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Klick: Im Gespräch mit Ann Cotten

1 September 2013


Image from Robert Bosch Stiftung

Lesen Sie dieses Interview auf Englisch.

Also gut, nun dies: Vor einigen Jahren war ein Teil meines Hirns voll mit kargem, sprunghaftem MAX/MSP, dronenartigem Zeug. Es ist immer noch so. Auf der ständigen Suche (immerfort mehr! Alles, immer!) nach AGF-Kompositionen (ein Pseudonym der Künstlerin Antje-Greie Fuchs … Recherche lohnt sich). Ich fand live Sets, die sie online gestellt hatte. In einer davon kam eine deutsche Dichterin vor, die auf der Bühne ihre Stimme über den AGFs Malstrom aus Mikro Klicks, Brüchen und Rauschen hinweg lesend, rezitierend, beschwörend live klingen ließ.

Und so stellte es sich heraus, dass diese Dichterin Ann Cotten war. Und ich machte mich daran – von der anderen Seite der Erde aus, in den Äther versinkend, – alles von ihr, was ich in die Hände bekommen konnte, ausfindig zu machen. Eine Aufnahme geistert herum, auf der sie ‘33 Extension, Ekstase’ vorträgt – veröffentlicht in Hilda Magazine mitübersetzt von Cotton und Rosemarie Waldrop. Es beginnt mit:

Klick. Wo begann zu drehen es
sich zeigte an den Ufern so
den Fluss an. Anorganisch lumenesk,
bloß an der Oberfläche Wüten, wo

wütete und unerreichbar schrill
sich drehte und das Licht, zerstieb,
zerdröselte, und darum, wo ich lachen will,
zu laben Ufern anfing, hell und lieb.

Klick, stopp – noch nach all diesen Jahren lässt es meine Augen hell aufleuchten (wie könnte ich das bloß zum Ausdruck bringen?) Klick, start. Klick, nächster Track. Klick, nächste Seite. Klick, nächstes Ziel. Klick, das Wurmloch YouTube. Klick klick klick peng. Ist es möglich von einem Wort verschlungen zu werden, von seinem Klang, vom Klang den jemand anderes hervorbringt? Fixiert zu sein. Auf repeat. Am Wort festzuhängen. Die Platte wenden. Klick, play. (Klick runterscrollen.)

Schauen Sie sich weiter unten Cottens Biographie an, um den Hintergrund und Kontext zu verstehen. Es gibt genug andere Interviews, die Sie anderswo und anderswann ansehen können, die eine Linie auszumachen versuchen, die von dem Umstand, dass sie in Ames, Iowa, geboren ist (nur ein paar Kilometer im Übrigen von Kent MacCarters Geburtsort in Lakeville, Minnesota, sowie den Bauernhöfen von meinen ausgewanderten vorkalifornischen Ahnen), und die als Linie weiterführt zu ihrem Heranwachsen und Studium in Wien bis hin zu ihrem gegenwärtigen Wohnort Berlin. Recherchieren Sie noch ein bisschen weiter, und Sie werden auf absurde Artikel stoßen, die von absurden Typen verfasst worden sind. (Lesen Sie zwischen den Zeilen ihrer Antworten, zwischen dem Schimmer der Pixel, die von Ihrem Bildschirm strahlen.) Hören Sie sich ihre Aufnahmen an, atmen Sie die Gedichte ein – viele sind ins Englische übertragen worden und sind online verfügbar. Wenn Sie Deutsch lesen können, lesen Sie alles, was Ann Cotten über Konkrete Poesie geschrieben hat. Raufen Sie alles zusammen, was Sie finden können.

Ann Cotten ist der real deal. Hier ist das Gespräch, das ich mit ihr gehabt habe.

N.B.: Wir haben das Gespräch auf Deutsch geführt, bis eine Frage in der Übersetzung verloren ging. Die zweite Hälfte des Gesprächs führten wir daher auf Englisch.

Klick.

Jeremy Balius: Als ich 2003 noch auf dem Prenzlauer Berg wohnte, war ich von der Offenheit fasziniert, die dort zwischen den Dichtern, Künstlern, Autoren, DJs und Musikern herrschte. Bevor ich in Berlin war, kannte ich diese Art von breitgefächerter Zusammenarbeit nicht … es fühlte sich dort so an, als ob Zusammenarbeit geradezu das Ziel sei. Ist diese Zusammenarbeit auf allen Gebieten auf irgendeiner Weise wichtig für Sie oder Ihre Poesie?

Ann Cotten: Nein. Ich kann Zusammenarbeit nicht ausstehen. Aber ich interessiere mich für andere Menschen. Ich will nur nicht künstlerisch mit ihnen zusammenarbeiten.

Und doch profitiere ich von dieser Atmosphäre. Es ist einfacher Fremde anzusprechen. Es gibt sehr viele Möglichkeiten, schöne und schräge junge Menschen kommen zusammen. Hier gibt es Erfolg und das Gegenteil von Erfolg.

Auf der anderen Seite, gibt es Städte mit einer ähnlichen Atmosphäre. Ich habe dies in Neapel erlebt. Die Neapolitaner sprechen miteinander wie vertraute Kollegen. Es war viel besser als in Berlin. Hier in Berlin behalten die erfolgreichen Leute ihre Karriere im Auge und die Erfolglosen jammern bloß.

Vielleicht bedeutet die Offenheit in Berlin, dass man sich gegen Zusammenarbeit wehren oder schützen muss, anstatt dankbar dafür zu sein. Man kann sich in einer falschen Zuvorkommenheit und einer dämlichen Zelebration der Kreativität verlieren, die das Zusammenarbeiten gelegentlich in Idiotie verwandelt.

JB: Was Karriere und Jammern angeht, das trifft wahrscheinlich überall auf der Welt zu! Für mich kommt es darauf an – oder auch nicht, – mit anderen Leuten Musik zu machen. Zusammenarbeit war für mich dort erfolgreich, wo es sich um Dinge von konkreter oder visueller Art handelte. Aber das ist ja nicht wirklich miteinander arbeiten, sondern eher aneinander.

Sich zu wehren, ist ein wichtiges Thema für mich, und ich stelle es in meiner eigenen Arbeit in Frage, beispielsweise im Hinblick auf den Raum sozialer Verantwortung oder spiritueller Erwartungen oder in Auseinandersetzungen mit den Wahrheiten und Unwahrheiten, die man beigebracht bekommen hat. Davon abgesehen, dass man sich gegen die ‘Szene’ zur Wehr setzen oder schützen muss, gibt es in Ihrem Leben Dinge, gegen die Sie sich schützen müssen, um das zur Sprache zu bringen, was letztendlich zu Ihren Gedichten wird? Gibt es Grenzen und Schranken in Ihrem Schreiben, die Sie überwinden müssen?

AC: Ich erfreue mich daran, leidenschaftlich gegen alle Arten von Verantwortung zu sein, obgleich ich mir nicht sicher bin, ob es gefährlicher ist Verantwortung zu meiden oder sich zu entscheiden, sie zu respektieren, d.h. die verantwortungsvolle Wendung zu machen, die den Geist so vieler Motoradfahrer Jahr für Jahr vernichtet. Auf die Dichtung angewendet betrifft dies meine wohlmeinenden Versuche verständlicher zu sein, d.h. in vielen Fällen konventioneller oder einfacher zu sein, die dazu führen könnten, dass ich mich auf ausgelaufenen Pfaden begäbe, die ich aber nicht nehmen will.

Ich will gut denken, aber ist Denken, gut oder klar zu denken, das realistischste Denken, oder ist es realistisches Denken mit einer kleinen utopischen Wendung? Feminismus und andere Wissenschaften des Unwirklichen zeigen es deutlich. Wenn ich mich „realistisch“ anschaue, so wie andere mich anschauen, dann wird ihr Blick niemals zu widerlegen sein. Eine gewisse Ignoranz gegenüber der schlimmsten Meinungen über Frauen befreit Männer völlig von ihnen (bis ich natürlich einen in einer dunklen Gasse begegne – aber ich kann ihm vielleicht im Dunkel fürs Dunkle begegnen …).

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